Herr Harp, die BWG feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Wie war die Gründerzeit, so kurz nach dem 1.Weltkrieg?
„Es war eine turbulente Zeit – eine Zeit der Umbrüche: Die Novemberrevolution, welche durch kriegsmüde Soldaten herbeigeführt wurde, ermöglichte den Sturz der Monarchie und ebnete den Weg zur ersten deutschen parlamentarischen Demokratie. Bereits im Oktober 1918 war es dann soweit: Die Weimarer Republik ist ausgerufen worden. Und die war gerade in den Anfangsjahren von großem menschlichen Leid, wirtschaftlichen Problemen und einer desolaten Wohnungssituation geprägt. Die Wohnungen waren vergleichsweise teuer, meist überbelegt und oft hygienisch unzumutbar. Fortschrittliche Bürger um den damaligen Burger Stadtrat Carl Schulze hörten von erfolgreich gegründeten Baugenossenschaften und nahmen diesen Gedanken auf, um die Wohnsituation in Burg zu verbessern.Am 30. März 1919 war dann schließlich die Gründungsversammlung der Baugenossenschaft Burg e.G.m.B.H. im damaligen Konzerthaus. Bereits ein Jahr später, im Juli 1920, waren die ersten Wohnungen in der Pulverstraße 2a–d und in der heutigen Grabower Straße 34–37 fertig- gestellt worden. Bis 1939 sind 344 Wohnungen entstanden, für die damalige Zeit eine beachtliche Leistung.”

Wie kann man sich die Entwicklung bis zur Wende vorstellen?
„Die Bautätigkeit der in GWG Burg umbenannten Baugenossenschaft endete 1960/62 mit der Fertigstellung von fünf Wohnhäusern in der O.-Grotewohl-Straße/Holzstraße mit 122 Wohnungen. Bereits im April 1954 wurde die AWG Burg gegründet. In den ersten Jahren musste jedes Mitglied für eine Wohnung der Genossenschaft 2.500 Mark einzahlen und 2.500 Aufbaustunden leisten. Bei den damaligen Einkommen und einer Sechs- Tage-Arbeitswoche waren dies sehr hohe Anforderungen, und trotzdem war die Nachfrage sehr groß. Die Mitglieder der ersten Stunden haben sehr viel ihrer wenigen Freizeit geopfert und quasi an der eigenen neuen Wohnung mitgebaut. Das Ziel, für die junge Familie eine moderne Wohnung im Reihenhaus oder Mehrfamilienhaus mit Bad,Terrasse oder Balkon zu erhalten, war Motivation, diese Anstrengungen auf sich zu nehmen. Aus diesen vielen gemeinsamen Stunden kommt dieses Gemeinschaftsgefühl, das uns ausmacht. Die zu zahlenden Geschäftsanteile wurden später ebenso wie die Aufbaustunden nach der Wohnungsgröße differenziert und reduziert, somit auch für breite Bevölkerungsschichten erschwinglicher. Wohnungen waren schon für unter 50 Mark monatlicher Miete zu haben, Betriebskosten gab es nicht. Erst mit dem neuen Angebot fernbeheizter Wohnungen in den 70-iger Jahren waren geringfügig Heizkosten pauschal in der Miete enthalten. 1987 erfolgte der Zusammenschluss der GWG Burg und der GWG Biederitz – diese wurde übrigens auch 1919 gegründet mit der AWG Burg. Bis 1989 hat die AWG Burg 2 116 Wohnungen gebaut, neue Wohngebiete in Burg-Nord und -Süd entstanden. Mit den Wohnungen der beiden GWGs stieg der Bestand auf 2659.”

War die Nachwendezeit einfacher?
„Mit der deutschen Einheit waren die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Fortführung des Geschäftsbetriebs der AWG Burg zu schaffen: Neue Satzung, aus der AWG wurde die BWG, Wahl des Aufsichtsrates, Bestellung des Vorstandes, Vertreterversammlung und Registrierung beim Amtsgericht Magdeburg, DM-Eröffnungsbilanz. Versorger und Dienstleister waren zu bezahlen, Vorauszahlungen auf Betriebskosten durften aber erst ab 1. Oktober 1991 berechnet werden. Die finanzielle Situation sehr kritisch! Die Neuordnung des Mietensystems und schrittweise Anpassung zur Kostendeckung dauerte noch bis 1997. Erschwerend kam hinzu, dass auch Burg unter einem starken Einwohnerrückgang zu leiden hatte. Die Nachfrage ist so plötzlich eingebrochen. Somit war ein Rückbau zwingend not- wendig. Durch Verkauf und Abriss hat sich der Bestand von 2719 Wohnungen in den 90er Jahren auf jetzt 1810 Wohnungen reduziert. Natürlich haben wir auch fleißig saniert. Bis Ende 2018 sind 70,6 Millionen EUR in unseren Bestand investiert worden. Und das wird auch zukünftig unsere Hauptaufgabe sein, denn die Anforderungen ändern sich ständig. In unserem Jubiläumsjahr werden wir ein neues Corporate Design und erweiterte Ausstattungen einführen. Näheres dazu erfahren Sie von meinem Vorstandskollegen Heino Näth. Mit dem Jubiläumsevent am 28.Juni, bei dem wir unsere 100 Jahre gebührend feiern wollen, möchten wir uns bei allen Weggefährten und Mitgliedern, aber auch bei allen Burger Bürgern bedanken. Denn viele Burger sind oder waren ein Teil unserer Gemeinschaft!”